Einzelkinder und ihr schlechter Ruf

© Jean B. - Fotolia.com

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Einzelkinder haben den Ruf, egoistisch, eigenwillig und nicht besonders sozial zu sein, weil sie sich nie mit Geschwistern auseinander setzen mussten und die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern geniessen konnten. Sie werden entweder verdammt (jeder kennt sicher die Vorurteile über ein “typisches Einzelkind”) oder beneidet (kein Stress mit anstrengenden Geschwistern), aber nie objektiv betrachtet. 
Lange Zeit wurden Einzelkinder von Psychologen als aggressiv und zänkisch, sogar als “Parasiten” bezeichnet. Bis heute halten sich diese negativen Vorurteile, Hobbypsychologen schreiben ihren geschwisterlosen Bekannten oft das typische Verhalten zu. 
Der Ursprung dieser Klischees reicht weit zurück. Ende des 19. Jahrhunderts lag eine Familie mit fünf Kindern im Durchschnitt, vor dem Zweiten Weltkrieg nur noch mit drei. Einzelkinder wuchsen damals oft in schwierigen Familienverhältnissen auf, weil ein Elternteil entweder krank oder tot war. Alleine der Einzelkind-Status ein Kind zum Aussenseiter werden. Heute noch ist es üblich, Geschwister zu haben. Drei von Vier Kindern in Deutschland wachsen mit Bruder oder Schwester auf. 

Die Sozialpsychologin Toni Falbo war eine der ersten, die die Vorstellung vom einsamen, verwöhnten, kleinen Egoisten überprüfte und hat ihre Forschungsergebnisse 1984 in dem Buch “The Single Child Family” veröffentlicht. Sie konnte aber keine einschlägigen Unterschiede feststellen, die auf fehlende Geschwister zurückzuführen wären. “Im Großen und Ganzen benehmen sich Einzelkinder wie alle anderen auch.” Die Soziologin Judith Blake fand 1989 heraus, dass Einzelkinder häufiger Führungspositionen einnehmen, eine bessere Schul- und Berufsausbildung erhalten, bei Intelligenztests besser abschneiden und sozial aktiver sind als Geschwisterkinder.

Der Psychologe Hartmut Kasten sagt: “Ob wir mit oder ohne Geschwister aufwachsen, bedingt nur in sehr geringe, Ausmaß die Ausbildung spezieller Persönlichkeitsmerkmale”. Viel wichtiger sei etwa die Eltern-Kind-Beziehung.

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